Sebastian Janus
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Working Capital senken: Wie aus Umsatz endlich Liquidität wird

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Profitabel und trotzdem knapp bei Kasse – der Unterschied heißt Working Capital. Die drei Stellschrauben, was jeder Tag wert ist, in welcher Reihenfolge man vorgeht und die fünf Fehler, die Liquidität kosten.

Titelbild: Working Capital senken – drei Stellschrauben: Forderungen, Bestände, Verbindlichkeiten.

Die kurze Antwort

Ein Unternehmen kann profitabel sein und trotzdem kein Geld auf dem Konto haben. Der Unterschied zwischen Gewinn und Liquidität heißt in den meisten Fällen Working Capital: das Kapital, das zwischen der Zahlung an den Lieferanten und dem Zahlungseingang vom Kunden gebunden ist.

Drei Stellschrauben bestimmen die Höhe – Forderungen, Bestände, Verbindlichkeiten – und sie wirken unterschiedlich schnell. Die Forderungen sind der schnellste Hebel, weil sie ohne Investition auskommen und die Wirkung innerhalb eines Quartals im Konto sichtbar wird.

Was ein Tag wert ist

Die nützlichste Rechnung der ganzen Disziplin ist die einfachste. Bei zwölf Millionen Euro Jahresumsatz entspricht ein Tag Forderungslaufzeit rund 33.000 Euro gebundenem Kapital. Der Cash Conversion Cycle von 75 auf 60 Tage zu senken, setzt damit rund eine halbe Million Euro frei – einmalig, aber dauerhaft verfügbar, und ohne einen Euro zusätzlichen Umsatz.

Diese Zahl gehört an den Anfang jedes Projekts. Sie macht aus einem abstrakten Thema eine Größe, über die sich mit der Geschäftsführung reden lässt.

Stellschraube 1: Forderungen

Der DSO ist der Teil des Working Capital, der am schnellsten reagiert. In der Praxis liegt die Ursache selten beim Kunden:

  • Zu spät fakturiert. Wer Rechnungen am Monatsende sammelt, verlängert den DSO um bis zu 15 Tage – ohne dass irgendjemand zu spät zahlt. Tägliche Fakturierung ist der billigste Hebel überhaupt.
  • Kein Mahnwesen mit Terminen. Stufen, feste Fristen, ein zuständiger Name. Nicht nach Gefühl und nicht „wenn Zeit ist".
  • Zahlungsziele, die niemand verhandelt hat. Viele Ziele sind historisch gewachsen. Ein Blick in die Vertragsliste fördert regelmäßig 60-Tage-Ziele zutage, die niemand mehr begründen kann.
  • Keine Anzahlungen bei langen Projekten. 30 Prozent bei Auftrag, 40 Prozent bei Teilabnahme, Rest bei Abschluss – das ist in vielen Branchen üblich und wird trotzdem oft nicht verlangt.

Stellschraube 2: Bestände

Langsamer, dafür dauerhaft. Der Einstieg ist eine ABC-XYZ-Auswertung: Welche Artikel machen den Wert aus, und welche davon bewegen sich verlässlich? Der typische Befund ist eine kleine Zahl von Artikeln mit hoher Kapitalbindung und geringem Umschlag – und ein Sicherheitsbestand, der irgendwann einmal aus einem Lieferengpass entstanden ist und seither nie überprüft wurde.

Vorsicht bei der Gegenrichtung: Bestandsabbau, der zu Lieferunfähigkeit führt, kostet Umsatz und Kunden. Der Zielwert ist nicht null, sondern eine begründete Reichweite je Artikelgruppe.

Stellschraube 3: Verbindlichkeiten

Längere Zahlungsziele bei Lieferanten wirken sofort – mit zwei Einschränkungen. Erstens ist Skonto meist mehr wert als der Liquiditätsvorteil: drei Prozent Skonto bei 30 Tagen Differenz entsprechen einem Jahreszins von rund 36 Prozent. Zweitens ist einseitiges Überziehen keine Working-Capital-Maßnahme, sondern eine Lieferantenkrise auf Raten.

Sauber ist die Verhandlung: längere Ziele gegen Mengenzusagen oder Planungssicherheit.

Wenn das Geld trotzdem fehlt: Factoring

Reicht die interne Optimierung nicht, ist Factoring der nächste Schritt – der Verkauf der Forderungen an einen Finanzierer. Das echte Factoring nimmt die Forderung aus der Bilanz und verbessert die Eigenkapitalquote, was bei Covenants zusätzlich hilft.

Der Vergleichsmaßstab ist die Kreditlinie, nicht null. Und die Reihenfolge zählt: Wer einen selbstverschuldeten DSO von 60 Tagen durch Factoring finanziert, kauft Zeit und zahlt dafür dauerhaft Marge, ohne die Ursache zu berühren.

Die Reihenfolge, die funktioniert

  1. Messen. DSO nach der Counting-Back-Methode, Lagerreichweite je Artikelgruppe, DPO. Monatsreihe über 24 Monate, nicht ein Stichtag.
  2. Rechnen, was ein Tag wert ist. Diese eine Zahl entscheidet, ob das Projekt Priorität bekommt.
  3. Fakturierung und Mahnwesen zuerst. Kostet nichts, wirkt in Wochen.
  4. Bestände und Zahlungsziele parallel. Beides braucht Gespräche, mit dem Einkauf und mit Lieferanten.
  5. Externe Finanzierung zuletzt. Erst wenn die internen Hebel gezogen sind, ist der Preis eines Factors gerechtfertigt.
  6. Monatlich nachhalten. Ohne feste Berichtszeile fällt der Bestand nach zwei Quartalen auf den alten Wert zurück.

Die fünf Fehler

  1. Nur den Mittelwert ansehen. Ein DSO von 45 Tagen kann ein Prozessthema sein oder ein einzelner Großkunde mit 120 Tagen. Die Maßnahmen sind völlig verschieden.
  2. Stichtag statt Reihe. Ein einzelner Bilanzstichtag verzerrt bei Saisonalität so stark, dass daraus keine Maßnahme abgeleitet werden kann.
  3. Skonto ignorieren. Der teuerste Kredit im Unternehmen ist meist der, den man sich beim Lieferanten nimmt.
  4. Bestandsabbau ohne Lieferfähigkeit. Working Capital ist kein Selbstzweck.
  5. Einmalprojekt statt Routine. Ohne monatliche Kennzahl und einen Verantwortlichen ist die Wirkung nach zwei Quartalen weg.

Häufige Fragen

Was ist ein guter Working-Capital-Wert?

Es gibt keinen allgemeingültigen Zielwert – er hängt an Branche und Geschäftsmodell. Sinnvoll sind zwei Vergleiche: der eigene Verlauf über 24 Monate und der Branchenvergleich. Ein Cash Conversion Cycle von 75 Tagen ist im Maschinenbau unauffällig und im Lebensmittelhandel ein Alarmsignal.

Wie schnell wirkt eine Working-Capital-Optimierung?

Fakturierung und Mahnwesen wirken innerhalb von vier bis acht Wochen. Neu verhandelte Zahlungsziele wirken ab dem nächsten Vertragszyklus. Bestandsabbau braucht ein bis zwei Quartale. Realistisch ist ein spürbarer Effekt nach einem Quartal und der volle Effekt nach einem Jahr.

Warum ist ein profitables Unternehmen manchmal illiquide?

Weil Gewinn im Zeitpunkt der Leistung entsteht und Liquidität im Zeitpunkt der Zahlung. Bei Wachstum steigen Forderungen und Bestände mit dem Umsatz; das gebundene Kapital wächst mit. Genau deshalb ist Wachstum ohne Working-Capital-Steuerung ein Liquiditätsrisiko.

Was bringt ein Tag weniger DSO?

Bei zwölf Millionen Euro Jahresumsatz rund 33.000 Euro. Die Formel: Jahresumsatz geteilt durch 365. Dieselbe Rechnung gilt für jeden Tag im Cash Conversion Cycle.

Lohnt sich Factoring?

Wenn die internen Hebel gezogen sind und das Working Capital schneller wächst als die Kreditlinie: ja. Als Ersatz für ein fehlendes Mahnwesen: nein – dann werden dauerhaft Kosten für ein Problem gezahlt, das ohne Kosten lösbar wäre.

Wer sollte das Thema verantworten?

Die Finanzfunktion misst und steuert, aber die Hebel liegen im Vertrieb (Zahlungsziele), im Einkauf (Lieferantenziele) und in der Logistik (Bestände). Ohne ein Ziel, das in diesen Bereichen verankert ist, bleibt es eine Auswertung ohne Wirkung.

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Quellen und Stand

Die Rechenbeispiele sind Modellrechnungen zur Veranschaulichung; die zugrunde liegenden Formeln stehen in den verlinkten Glossarbeiträgen. Die übrigen Aussagen beruhen auf der Mandatspraxis von nugrow. Stand: September 2026. Dieser Beitrag ist eine Übersicht und ersetzt keine Steuer- oder Rechtsberatung.

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Interim CFO für Private-Equity- und Venture-Capital-finanzierte Unternehmen, Gründer der nugrow GmbH

Sebastian Janus ist Interim CFO für Private-Equity- und Venture-Capital-finanzierte Unternehmen mit über 15 Jahren Erfahrung in Finanzführung, Fundraising, M&A und Restrukturierung. Er hat 2005 einen der ersten deutschen Online-Schuhshops gegründet, ihn durch zwei Exits geführt und war anschließend CFO im E-Commerce eines börsennotierten Handelskonzerns. Seit 2018 führt er die nugrow GmbH in Bochum.

Über den Autor

Dieser Beitrag stammt von Sebastian Janus, Interim CFO und Finance Operating Partner. Er gründete 2005 einen der ersten deutschen Online-Schuhshops, führte ihn durch zwei Transaktionen und war anschließend CFO im E-Commerce eines börsennotierten Handelskonzerns. Seit 2018 führt er die nugrow GmbH in Bochum und übernimmt Finanzverantwortung auf Zeit – überwiegend bei Private-Equity- und Venture-Capital-finanzierten SaaS- und Tech-Unternehmen.

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