Sebastian Janus
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Die ersten 100 Tage: Finance im PE-Portfoliounternehmen nach dem Closing

Nach dem Closing entscheiden drei Dinge über die ersten 100 Tage: ein Reporting, dem der Gesellschafter glaubt, eine Liquiditätsvorschau über 13 Wochen und eine Planung, die den Value Creation Plan trägt. Der Ablauf Woche für Woche – und die fünf Lücken, die fast immer auftauchen.

Titelbild: Die ersten 100 Tage – Finance im PE-Portfoliounternehmen nach dem Closing.

Die kurze Antwort

Nach dem Closing hat die Finanzfunktion rund 100 Tage Zeit, drei Dinge herzustellen: ein Reporting, dem der neue Gesellschafter glaubt, eine Liquiditätsvorschau, die wöchentlich stimmt, und eine Planung, die den Value Creation Plan in Zahlen abbildet. Alles andere ist nachrangig.

Der teuerste Fehler in dieser Phase ist die Reihenfolge. Wer zuerst das ERP wechselt oder den Kontenrahmen neu baut, verbraucht das Fenster mit Arbeit, die niemand sieht – und liefert im dritten Monat immer noch keinen belastbaren Monatsbericht.

Warum Finance nach dem Closing anders läuft als vorher

Der Eigentümerwechsel ändert nicht das Geschäft. Er ändert den Adressaten der Zahlen, und das hat drei konkrete Folgen.

Der Empfänger wechselt. Vorher berichtete die Finanzabteilung an eine Geschäftsführung und eine Hausbank. Danach berichtet sie an einen Investor mit eigenem Berichtsstandard, an ein Investment Committee und häufig an einen Finanzierungsvertrag mit Covenants.

Die Tiefe wechselt. Aus dem Quartalsbericht wird ein Monatsbericht. Aus dem Vorjahresvergleich wird die Abweichung gegen Plan – und zwar erklärt, nicht nur ausgewiesen.

Die Frist wechselt. Aus „wenn der Abschluss fertig ist“ wird ein fester Werktag. Diese Umstellung ist in der Praxis die härteste, weil sie nicht am Können hängt, sondern an Prozessen, die vorher nie unter Zeitdruck standen.

Die Zahlen, die bisher gereicht haben, reichen ab dem Closing nicht mehr. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie andere Fragen beantwortet haben.

Tag 1 bis 14: Bestandsaufnahme

In den ersten zwei Wochen wird nichts gebaut, sondern gelesen und gezählt.

  • Den Finanzierungsvertrag lesen. Welche Covenants gelten, zu welchen Stichtagen, mit welcher Definition? Die Frage, welches EBITDA gemeint ist – berichtet, bereinigt, oder nach Vertragsdefinition – entscheidet später über Einhaltung oder Bruch und wird erstaunlich oft erst im Ernstfall gestellt.
  • Die Reporting-Anforderung des Gesellschafters schriftlich holen. Format, Frist, Kennzahlen, Detailtiefe, Empfängerkreis. Mündliche Absprachen halten bis zum ersten Wechsel im Deal-Team.
  • Eine 13-Wochen-Liquiditätsvorschau aufsetzen, falls keine existiert. Sie ist das einzige Instrument, das in den ersten Wochen sofort Sicherheit gibt – für beide Seiten.
  • Das Findings-Log der Due Diligence einsammeln. Was die Käuferseite in der Prüfung an Schwachstellen gefunden hat, ist die beste To-do-Liste, die es in dieser Phase gibt. Sie liegt vor und ist bereits priorisiert.
  • Team und Systeme kartieren. Wer kann was, welches System hält welche Wahrheit, wo liegen die Abhängigkeiten von einzelnen Personen.
  • Eröffnungsbilanz und Kaufpreisallokation klären: wer erstellt sie, bis wann, und wie wirken die Anpassungen auf das laufende Ergebnis.

Der häufigste Fehler in dieser Phase: sich auf die Zahlen aus dem Datenraum zu verlassen. Die waren für einen Verkauf aufbereitet, nicht für die Steuerung.

Tag 15 bis 45: Reportingfähigkeit herstellen

Das Ziel dieser Phase ist ein Monatsbericht, der zu einem festen Termin erscheint und ohne Nacharbeit verwendbar ist. Dazu gehören vier Bestandteile, die ein Investor praktisch immer erwartet:

  • eine EBITDA-Brücke vom Plan zum Ist, mit erklärten Abweichungen,
  • eine Cash-Brücke vom Ergebnis zur Liquiditätsveränderung,
  • die Entwicklung des Working Capital nach Forderungen, Vorräten und Verbindlichkeiten,
  • die Nettofinanzverschuldung gegen den Covenant, mit Vorschau auf den nächsten Stichtag.

Zwei Arbeiten laufen parallel und werden regelmäßig unterschätzt. Die erste ist die schriftliche Definition jeder Kennzahl. Wiederkehrender Umsatz, Auftragsbestand, Bruttomarge, Kundenbindung: Solange diese Größen nicht einmal verbindlich definiert sind, wird im Investment Committee jede Zahl neu diskutiert statt interpretiert. Die zweite ist die Konsolidierung, sobald mehr als eine Gesellschaft im Spiel ist – bei Buy-and-Build-Strategien ist das die Regel, nicht die Ausnahme.

Tag 46 bis 80: Den Value Creation Plan in Zahlen übersetzen

Der Value Creation Plan ist eine Liste von Maßnahmen mit erwartetem Wertbeitrag. Die Aufgabe der Finanzfunktion ist nicht, ihn zu schreiben, sondern ihn messbar zu machen: jede Maßnahme mit einem Wertbeitrag, einem Verantwortlichen, einem Termin und einer Kennzahl, die im Monatsbericht auftaucht.

Die Regel dahinter ist unspektakulär und gilt ausnahmslos: Was im Value Creation Plan steht, aber nicht im Monatsbericht erscheint, passiert nicht.

Dazu kommt die integrierte Planung – Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz und Cashflow verbunden, nicht drei separate Tabellen. Ohne diese Verbindung lässt sich die Einhaltung eines Covenants nicht vorausrechnen, und genau das ist die Frage, die ein Gesellschafter als Erste stellt, wenn das Geschäft vom Plan abweicht.

Wenn Zukäufe geplant sind, wird jetzt festgelegt, wie ein Zukauf integriert wird: einheitlicher Kontenrahmen, gemeinsamer Abschlusskalender, Konsolidierungslogik. Diese Entscheidung im Voraus zu treffen kostet Tage. Sie nachträglich zu treffen, nachdem zwei Gesellschaften dazugekommen sind, kostet Monate. Mehr dazu unter Post-Merger-Integration.

Tag 81 bis 100: In den Dauerbetrieb übergeben

Die letzte Phase entscheidet, ob das Erreichte hält. Sie besteht aus vier Dingen: einem Abschlusskalender für zwölf Monate, dokumentierten Prozessen für Abschluss, Reporting und Freigaben, klaren Verantwortlichkeiten im Team – und, falls die Rolle übergeben wird, einer strukturierten Übergabe an den dauerhaften CFO.

Ein Aufbau, der nur funktioniert, solange die Person da ist, die ihn gebaut hat, ist kein Aufbau.

Die fünf Lücken, die fast immer auftauchen

  1. Keine integrierte Planung. Ergebnisplanung ja, Bilanz und Cashflow nicht verbunden.
  2. Keine belastbare Liquiditätsvorschau. Der Kontostand ist bekannt, die nächsten dreizehn Wochen nicht.
  3. Konsolidierung in Tabellen. Funktioniert bei zwei Gesellschaften, bricht bei vier.
  4. Kennzahlen ohne schriftliche Definition. Jeder Bericht erzeugt eine Definitionsdebatte.
  5. Monatsabschluss ohne festes Datum. Der Bericht kommt, wenn er fertig ist – und ist dann für Entscheidungen zu spät.

Drei Fehler, die das Fenster kosten

System vor Prozess. Eine ERP-Einführung im ersten Quartal nach dem Closing bindet genau die Kapazität, die für das Reporting gebraucht wird. Die Systemfrage ist selten die dringendste, auch wenn sie die sichtbarste ist.

Alles gleichzeitig. Reporting, Planung, Systemwechsel, Teamumbau parallel – am Ende ist nichts fertig, und der erste Quartalsbericht an den Gesellschafter ist eine Entschuldigung.

Ein Reporting nur für den Investor. Wenn der Monatsbericht für den Gesellschafter gebaut wird und die Geschäftsführung intern mit anderen Zahlen steuert, entsteht doppelte Arbeit und ein zweiter Satz Wahrheiten. Ein Berichtswesen, zwei Adressaten – das ist der Anspruch.

Wann ein Interim CFO die richtige Antwort ist

Nicht jedes Portfoliounternehmen braucht nach dem Closing eine neue Besetzung. Drei Konstellationen sprechen dafür:

  • Der bisherige CFO geht mit dem Verkäufer. Häufig bei Nachfolgesituationen und Carve-outs. Die Stelle ist vakant, die Anforderung aber sofort da.
  • Der CFO bleibt, die Anforderung ist neu. Ein Kollege, der eine Finanzabteilung im Mittelstand gut geführt hat, steht nach dem Closing vor Covenant-Reporting, Konsolidierung und Investorenkommunikation. Das ist kein Qualifikationsurteil, sondern eine Frage von Erfahrung, die sich nicht in drei Monaten aufbaut.
  • Die Last ist zeitlich begrenzt. Der Aufbau ist Spitzenlast, der Dauerbetrieb danach nicht. Eine unbefristete Besetzung für eine befristete Anforderung ist die teurere Lösung.

Der praktische Vorteil eines Interim CFO in dieser Phase liegt weniger in der Verfügbarkeit als in der Wiederholung: Wer denselben Aufbau mehrfach gemacht hat, kennt die Reihenfolge und muss sie nicht erst finden.

Häufige Fragen

Was erwartet ein Private-Equity-Investor in den ersten 100 Tagen von der Finanzabteilung?

Drei Dinge: einen Monatsbericht zu einem festen Termin mit EBITDA-Brücke, Cash-Brücke und Working-Capital-Entwicklung; eine rollierende Liquiditätsvorschau über dreizehn Wochen; und eine integrierte Planung, aus der sich die Einhaltung der Covenants vorausrechnen lässt. Alles Weitere – Systemwechsel, Teamumbau, Prozessoptimierung – folgt danach.

Was ist ein 100-Tage-Plan im Private Equity?

Ein zwischen Investor und Geschäftsführung abgestimmter Maßnahmenplan für das erste Quartal nach dem Closing. Er legt fest, welche Themen sofort angegangen werden, wer verantwortlich ist und woran der Fortschritt gemessen wird. Für die Finanzfunktion besteht er im Kern aus Reportingfähigkeit, Liquiditätssteuerung und der Unterlegung des 100-Tage-Plans mit Zahlen.

Wie lange dauert es, bis ein PE-taugliches Reporting steht?

Ein erster verwendbarer Monatsbericht ist in der Regel nach vier bis sechs Wochen erreichbar, wenn die Buchhaltung ordentlich geführt ist. Ein Berichtswesen, das ohne Nacharbeit zum festen Termin läuft und die Planung einschließt, braucht realistisch ein Quartal. Bei mehreren Gesellschaften ohne bestehende Konsolidierung eher zwei.

Braucht ein Portfoliounternehmen nach dem Closing einen neuen CFO?

Nicht zwangsläufig. Entscheidend ist, ob die vorhandene Besetzung Erfahrung mit Covenant-Reporting, Konsolidierung und Investorenkommunikation hat. Wenn nicht, ist die Frage weniger, ob ausgetauscht wird, sondern ob die Lücke durch eine befristete Verstärkung geschlossen wird, während die vorhandene Führung bleibt.

Was kostet ein Interim CFO für ein PE-Portfoliounternehmen?

Der durchschnittliche Tagessatz im deutschen Interim-Markt liegt laut DDIM-Marktstudie für 2026 bei rund 1.317 Euro über alle Funktionen. CFO-Mandate mit Transaktions- und Private-Equity-Erfahrung liegen darüber; die Bandbreite im Markt reicht üblicherweise bis rund 2.500 Euro. Eine Einordnung der Kostenfaktoren gibt unser Beitrag Was kostet ein Interim CFO?

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Quellen und Stand

Tagessatz, Auslastung und Marktvolumen: DDIM-Marktstudie 2026 (prognostizierter Durchschnittstagessatz 1.317 Euro, Auslastung 81 Prozent, Gesamtmarktvolumen rund 2,7 Milliarden Euro, rund 12.500 Interim Manager im deutschen Markt). Die übrigen Aussagen beruhen auf der Mandatspraxis von nugrow in Portfoliounternehmen von Beteiligungsgesellschaften. Stand: September 2026. Der Beitrag ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung.

Sebastian Janus
Sebastian Janus
Interim CFO für Private-Equity- und Venture-Capital-finanzierte Unternehmen, Gründer der nugrow GmbH

Sebastian Janus ist Interim CFO für Private-Equity- und Venture-Capital-finanzierte Unternehmen mit über 15 Jahren Erfahrung in Finanzführung, Fundraising, M&A und Restrukturierung. Er hat 2005 einen der ersten deutschen Online-Schuhshops gegründet, ihn durch zwei Exits geführt und war anschließend CFO im E-Commerce eines börsennotierten Handelskonzerns. Seit 2018 führt er die nugrow GmbH in Bochum.

Über den Autor

Dieser Beitrag stammt von Sebastian Janus, Interim CFO und Finance Operating Partner. Er gründete 2005 einen der ersten deutschen Online-Schuhshops, führte ihn durch die Übernahme und blieb als CFO an Bord. Seit 2017 führt er die nugrow GmbH in Bochum und übernimmt Finanzverantwortung auf Zeit – überwiegend bei Private-Equity- und Venture-Capital-finanzierten SaaS- und Tech-Unternehmen.

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